Archiv 2011

„Die Planung der Zukunft muss weitergehen“

Die Deutschen Schulen in Ägypten nehmen Schritt für Schritt den Unterricht wieder auf. Dr. Antje Thiersch, Fachberaterin / Schulkoordinatorin der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) des Bundesverwaltungsamtes, betreut diese Schulen. Vergangenes Wochenende ist sie nach Kairo zurückgekehrt.

Als Fachberaterin ist sie für die schulischen Deutschprogramme und Sprachprüfungen verantwortlich, als Schulkoordinatorin begleitet sie den Aufbau neuer deutscher Schulen im Land. Sie ist nicht die einzige, die nach Ägypten zurückkehrt, um die Arbeit wieder aufzunehmen. Im Flugzeug befinden sich viele ausgereiste Kollegen, deutsche Lehrerinnen und Lehrer. Die Stimmung ist positiv, man freut sich auf den Neuanfang.

Die Aufbruchstimmung bestätigen wie Thiersch auch die Schulleiter der Deutschen Schulen. Jedoch nicht überall kann der Unterricht sofort wieder aufgenommen werden: „Einige Schulen sind bereits dabei, eine gewisse Normalität in den Schulalltag zu bringen. Sie bereiten die Erlebnisse und Erfahrungen der Revolutionstage mit Schülern, Eltern und Kollegen auf und die ersten zwei Schulen können die schriftlichen Abiturprüfungen fortsetzen. Andere Schulen sind noch dabei, den Schulalltag erst wieder so richtig zu organisieren,“ berichtet die Fachberaterin.

Aufarbeitung der Revolutionstage in den Schulen

Besonders die Aufarbeitung nimmt viel Raum in den Schulen ein. An der Deutschen Evangelischen Oberschule (DEO) in Kairo wird ein Faltblatt an alle Kollegen verteilt, das bei der Aufarbeitung helfen soll. „Es gibt doch einige, die die letzten Wochen als sehr dramatisch empfunden haben, und darauf muss man reagieren,“ so Schulleiter Thomas Schröder-Klementa. Der Neustart an der DEO verlief allerdings laut Aussage des Schulleiters insgesamt problemlos. Die Schüler sind nahezu alle da. Nur einige wenige Schüler sind in Deutschland geblieben. Besonders beeindruckt zeigt er sich von den Reaktionen der Schüler: „Vor allem die älteren Schüler betonen, dass sie jetzt erst richtig bemerken, wie wichtig ihnen die offene und der Demokratie zugewandte Ausbildung an der Schule ist und wie viel sie davon verinnerlicht haben. Das hat mich regelrecht berührt. Die Stimmung ist großartig.“ Doch bis an der Schule wirklich alles wieder zur Normalität übergeht, wird es noch eine Weile dauern. Klassenfahrten und größere Veranstaltungen werden erstmal verschoben. Und auch der Pyramidenlauf, eine über die DEO hinaus bekannte Tradition der Schule, muss verlegt werden.

An der Deutschen Schule der Borromäerinnen in Kairo nimmt man sich vor allem in der Grundschule viel Zeit, um mit den Schülerinnen die vergangenen Tage gemeinsam zu verarbeiten. Der erste Schultag steht unter dem Motto der Aufarbeitung der Geschehnisse. Collagen, Bilder, Gedichte, Geschichten und Wunschzettel entstehen. Die Älteren haben ein Video gedreht und auf YouTube eingestellt. „Unsere Schülerinnen haben gezeigt, dass sie stolz auf Ägypten sind und mithelfen wollen, die Demokratie zu entwickeln“, freut sich Schulleiter Walter Ritter.

Auch an der Privaten Deutschen Schule Kairo sind fast alle Mitarbeiter mittlerweile zurückgekehrt. Schulleiter Dirk Thormann berichtet: „Das Kollegium hat ein reflektiertes Verständnis von der allgemeinen politischen Lage. Die Stimmung und der Zusammenhalt in unserem internationalen Kollegium sind sehr positiv und von einer hohen Verantwortung in dieser Situation gekennzeichnet. Während der Zeit der Krise wohnten Lehrende zum Teil bei ägyptischen Eltern. Deutsche und ägyptische Kollegen standen in einem ständigen Kontakt untereinander.“ An der Deutschen Schule Hurghada am Roten Meer sieht die Situation etwas anders aus: „Etwa ein Drittel der Schüler ist abwesend, einige kommen innerhalb der nächsten zwei Wochen zurück, einige sind abgemeldet, da die Eltern ihre Stellen im Tourismusbereich verloren haben,“ berichtet Schulleiterin Muriel Plag.

Planung der Zukunft muss weitergehen

Antje Thierschs Fazit der ersten Tage: „In Tagen gesellschaftlicher Ereignisse und Umschwünge ist es nicht so wichtig, an Lehrplan und Lehrbuch zu kleben, sondern sich untereinander und mit den Schülern zu den bewegenden Themen auseinanderzusetzen.“ Dies ist an den Deutschen Schulen durchweg gelungen.

Direkt in der ersten Arbeitswoche hat sie viele Anfragen und Termine. Ein Stück der erwachenden Demokratie erlebt sie gleich am ersten Tag, als die Botschaft anfragt, wie es mit der Einrichtung einer Elternvertretung an Schulen aussieht. Eltern von einer Schule im Aufbau haben sich erkundigt.

In der Botschaft findet ein Treffen mit der Auslandsvertretung, der ZfA und dem Goethe-Institut statt. Thema ist die Frauen-Fußball-WM und die Planung von Veranstaltungen, bei denen Deutschland und die deutsche Sprache im Mittelpunkt stehen sollen. Ideen gibt es viele, die Umsetzung bleibt derzeit ungewiss. Mit Interesse besucht sie auch eine Veranstaltung der Deutsch-Arabischen Handelskammer mit dem deutschen Botschafter. Thema hier ist die Zukunft der deutsch-ägyptischen Beziehungen. Ihre Einschätzung: „In der Diskussion wird seitens der Ägypter immer wieder die Bedeutung der Deutschen Schulen in Ägypten betont und die Hoffnung, gerade im Bildungsbereich von Deutschland unterstützt zu werden. Es ist eine Aufforderung an den Botschafter, aber auch eine an die hier ansässigen deutsch-ägyptischen Unternehmen.“

Am Donnerstagabend nimmt Thiersch mit den Schulleitern und Vertretern der Mittlerorganisationen am Empfang des deutschen Außenministers, des Entwicklungsministers und des Staatssekretärs des Wirtschaftsministeriums beim Botschafter teil. Ihr Fazit: „Es tut gut zu erleben, wie traditionelle und neue Deutsche Schulen in Ägypten ein großartiges Gemeinschaftsgefühl entwickelt haben, stets starke Präsenz zeigen und hoch anerkannt sind. Außenminister Westerwelle schenkte beim Empfang der Gruppe der Schulleiter immer wieder seine Aufmerksamkeit in Gesprächen und Begegnungen.“

02.03.2011
Quelle: Zentralstelle für das Auslandsschulwesen

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